16.09.2015
EMBODIMENT UND DAS HAPTISCHE SYSTEM
Von Marcelo Muniz

Manifestiert sich ein traumatischer Prozess in einer Person, tritt meistens das Phänomen der Dissoziation auf. Unter Dissoziation wird im Allgemeinen eine Trennung von Körper und Geist verstanden. Wenn wir dieses Phänomen somatisch betrachten, erkennen wir verschiedene Ebenen der Dissoziation. Dissoziation der Sinne ist ein häufiges Muster: die Art, wie Information durch die Sinne aufgenommen wird, ist verändert und blockiert, und verändert somit die Selbstwahrnehmung sowie die Wahrnehmung der umgebenden Umwelt.


Marcelo Muniz


Eine gesunde Person verfügt über eine Intersensorik, durch die sich die Sinne bei der Suche nach Informationen aus der Umwelt unterstützen, miteinander vernetzen und vervollständigen. Sie schafft die Möglichkeit zur spontanen Autoregulation, sowie Identität und Ausdruck. Vom Neurowissenschaftler Dr. Ramachandran durchgeführte Studien zeigen, dass ein Auseinanderreissen oder eine Disorganisation dieser Intersensorik auch die Organisationsstrukturen des Gehirns verändert, die jedoch durch neuronale Plastizität und multisensorische Stimulation wieder hergestellt werden können.

Hubert Godard verweist in seiner Forschungsarbeit und in seinen Studien zur Bewegungserziehung auf den von dem Psychologen James Gibson verwendeten Begriff des Haptischen Systems, der Motorik und Sensorik verbindet. Das Haptische System umfasst Intrasensorik und auch sensorische Motorik. Intrasensorik beschreibt die Fähigkeit der Sinne eine Doppelfunktion zu übernehmen, zum Beispiel zu berühren und Berührungen empfinden, gleichzeitig fokussiert und peripher zu sehen oder zu hören. Das bedeutet dass man mit den Augen nach einem Bild suchen oder das Bild vor die Augen kommen lassen kann; man kann nach einem Geruch suchen oder sich öffnen und die gegenwärtigen Gerüche in sich aufnehmen. Auf diese Art entsteht ein Senden und Empfangen, ein Handeln und ein Nichthandeln angesichts der uns umgebenden Realität, um uns durch die fünf Sinne zu orientieren.

Sensorische Motorik bedeutet, dass eine motorische und eine sensorische Aktivität sich gegenseitig unterstützen, um Informationen zu senden und zu empfangen. Dies impliziert zum einen ein gegenwärtig sein und zum anderen eine Beziehung zum Raum und der Welt, die uns umgeben. Raum ist die gemeinsame Sprache für die Sensorik. Deshalb sprechen wir vom Haptischen System: einem System der Kommunikation und des sich Beziehens.

Von der Geburt bis zu vier Monaten nimmt ein Kind die Umgebung als einen ständigen und undifferenzierten Fluss von Eindrücken wahr. Auch wenn die Intensität dieser Eindrücke variiert, kann das Kind nicht all die verschiedenen Aspekte, aus denen der Fluss besteht, unterscheiden. Die Sinne des Kindes funktionieren noch nicht integriert und differenziert genug, um eine Analyse der Realität zu ermöglichen. Zum Beispiel: ein Baby, das gestillt wird, schmeckt die Brust und die Milch, riecht seine Mutter und die Milch, fühlt die Wärme und den Beistand seiner Mutter, sieht seine Mutter und hört das Lied, das sie gerade singt, aber es kann nicht all diese Elemente verbinden, um sich ein Gesamtbild seiner Mutter zu machen und die Gesamtheit des Geschehens zu erfassen. Das Baby nimmt alles als einen Fluss von Eindrücken wahr, da es sich in einem subkortikalen und empfangenden Status befindet. Zusätzlich muss es mit der Schwerkraft zurechtkommen, die konstant ist und sich nicht verändert. Jedes Mal, wenn es sich bewegt, muss es motorische und sensorische Fähigkeiten beweisen. Seine psychische Aktivität ist mit der Motor-Sensorik gekoppelt und von ihr abhängig. Nur die Bewegung ermöglicht dem Baby eine psychische Aktivität, die es ihm erlaubt, sich im unaufhörlichen Fluss der Eindrücke und der Schwerkraft zu orientieren. Es ist in der Lage, auf Angenehmes und Unangenehmes zu reagieren.

Erst nach dem vierten Monat differenzieren sich die Sinne so weit, dass das Baby fähig wird, Eindrücke zu analysieren. Es lernt, die Beziehungen zwischen dem Fluss der Eindrücke und der Schwerkraft mental vorweg zu nehmen. Das ist die Entstehung der psychischen Aktivität, wie wir sie kennen. Bis zum vierten Monat ist das Baby nicht in der Lage, zielgerichtet auf die Umwelt zu reagieren. Ist es z. B. starker Lichteinstrahlung ausgesetzt, wird es aktiv, da es sich unwohl fühlt. Es wird erregt sein und zu weinen beginnen. Aber es weiss nicht, wie es sich umdrehen oder dem starken Licht, das auf seine Augen fällt, ausweichen kann. Es fühlt und bewegt sich zugleich, da eine direkte, starke Verbindung zwischen Motorik und Sensorik besteht. Um eine Situation beeinflussen zu können, muss es die Informationen kombinieren, die von dem Fluss der Eindrücke und aus der Bewegung in der Schwerkraft kommen.

Durch die Zusammenführung von Fühlen und Bewegung beginnt es langsam herauszufinden, was zu grösserem Wohlbefinden führt. Motorische und sensorische Entwicklung sind untrennbar miteinander verbunden. Man kann von einer visuellen Kinästhetik sprechen. Bis zum vierten Monat existiert für das Baby nur der Fluss von Eindrücken. Es gibt den Ton, aber dieser hat keine Bedeutung; es gibt Berührungen, aber die Berührung als solche hat noch keine Bedeutung. Das Baby kann nur fühlen, wenn es sich bewegt, aber es kann sich noch nicht erinnern. Erst später wird es denken, bevor es sich bewegt. Wenn es zu fokussieren beginnt, ist das Baby in der Lage, Vorstellungen in seinem Kopf entstehen zu lassen, um sich bewegen zu können. In der ersten Phase haben Eindrücke noch keine Bedeutung, die als mentale Vorstellung der Realität entspricht. Es herrscht nur eine periphere Aktivität, die die verschiedenen Modalitäten nicht unterscheidet.

So haben wir ein Dreieck: der Fluss von Eindrücken (unter Eindrücken verstehen wir jede Art von Information die über die fünf Sinne wahrgenommen wird), die tonische Aktivität in Beziehung zur Schwerkraft und die Emotion. Das Baby kann unangenehmen Situationen, wie starkem Licht oder Hitze, nur mit tonischer Aktivität begegnen. Es kommt zu einer Erregung des Sympathikus (Kampf/Flucht), zu Unwohlsein und Frustration. Es dauert eine Weile, bis das Baby die Situation analysieren, sich entsprechend bewegen und handeln kann, um dem Unwohlsein zu entgehen.

In dieser ersten Phase geschieht die Regulierung durch eine andere Person, die auf das Baby eingeht, und dafür sorgt, dass es sich wieder wohl fühlt. Das Baby erfährt Autoregulation durch die Unterstützung und Regulation der Mutter, beziehungs-weise der Bezugsperson. Ein tonischer Dialog kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden: er schafft eine Bindung, setzt Grenzen und gibt dem Baby einen Schutzraum. In dieser Phase sind Emotion und Tonus mögliche Antworten auf das Unwohlsein. Die Fähigkeit psychisch zu antizipieren entsteht, wenn das Baby aufrecht sitzen und seinen Kopf halten kann. Wenn es beginnt Bilder zu erzeugen, kann es antizipieren (wiedererkennen). Dadurch, dass es wiedererkennen/ antizi-pieren kann, kann die emotionale Ebene milder werden. Das Baby kann der Umwelt begegnen, ohne dass es zu grossen Emotionen kommt; ausserdem kann es eine kinästhetische Antwort geben, d. h. durch Bewegung ausweichen.

Gleichzeitig jedoch müssen sich Babys und Erwachsene wieder dem ständigen Fluss von Eindrücken öffnen, um neue relationale und motorisch-sensorische Fähigkeiten zu entwickeln. Falls es nicht zu dieser Öffnung kommt, verhindert die Antizipierung/Projektion die Erfahrung des Neuen und es kommt zur Wiederholung des Bekannten. Diese Organisation steht am Beginn der Subjektivität und befähigt die individualisierte Entwicklung des Babys in Bezug auf Zeit und Raum. Dass heisst, die Phasen seiner Entwicklung hängen vom jeweiligen Kontext ab. Und in diesem Zusammenhang bildet sich auch das emotionale Abwehrsystem hinsichtlich dessen aus, was als angenehm/unangenehm, sicher/unsicher, vertrauenswürdig/gefährlich empfunden wird. Daher ist es für einen Erwachsenen so schwer, die somatisch-emotionale Organisation zu ändern. Der Aufbau eines erlernten Musters in Bezug auf Koordination und sensorisch-motorischer Wahrnehmung führt zu einer automatisierten Orientierung. Und diese Automatik löst und öffnet sich nur dann für ein neues Lernen, wenn wir uns einer nicht projektiven Beziehung der Umwelt und dem Anderen zuwenden. Wir müssen uns in einen aufnehmenden, peripheren und verletzlichen Zustand versetzen können, der eine erneuerte Beziehung zwischen tonischer Aktivität (Schwerkraft), limbischen System (Emotion) und Umwelt (kontinuierlicher Fluss von Eindrücken) erlaubt.

Wir können keine neuen Kompetenzen erwerben, ohne uns in diesen ursprüng-lichen Zustand zurückzuversetzen. Um mit dem Fluss der Eindrücke wieder einen Dialog entstehen zu lassen, ist ein Öffnen des Haptischen Systems nötig, sowie die Möglichkeit, den Fluss zu empfangen und mit ihm mit zu fliessen und durch diese Interaktion neue Antworten, neue Möglichkeiten zur Selbstregulation zu finden. Dies erzeugt ein neues Paradigma der Stabilität. Wenn wir sagen, dass Stabilität gefunden werden muss, um ein emotionales Trauma zu heilen, dann sprechen wir nicht von der Fähigkeit uns selbst zu stabilisieren, sondern davon, einen angepassten Dialog herzustellen, der Kontinuität und Fluidität in Beziehung zur Schwerkraft, zum Raum und zum Anderen (sei es Umwelt, ein Objekt oder eine andere Person) ermöglicht.

Diese Beziehung zeigt, dass Expressivität und Impressivität hinter der Regulierung von Tonizität stehen. Das Haptische System wird dort unterbrochen oder gestört, wo sich das emotionale Abwehrsystem durch Hemmungen regelt und keine Kontinuitäts- und Fluiditätsbeziehungen herrschen. Es treten dann Blockaden und Einschränkungen auf, Fixierungen des Verhaltens und der Wahrnehmung. Die tonische Regulation findet innerhalb der Gravitationsregulation statt. Wir empfinden Gewicht, und die Mechanorezeptoren für Druck an unseren Füssen informieren uns über unsere Beziehung zum Boden. Das Innenohr und die Otolithen (Ohrsteine) informieren uns über unsere Beziehung zum Raum. Spindeln sind Regulatoren für den Muskeltonus, und sie können durch zwei verschiedene Arten von Neuronen aktiviert werden: das Alpha-Motoneuron (kortikal/pyramidal bewusst) oder das Gama-Motoneuron (subkortikal, vom Hirnstamm, verbunden mit Emotion und räumlicher Orientierung).

Das Gama-Motoneuron wird stark vom limbischen System, dem Hippocampus und der Amygdala beeinflusst. Demzufolge beeinflusst der emotionale Zustand die Gama-Funktion. Muskeln, die für unsere zentrale Stabilisierung verantwortlich sind, sind durch unsere Füsse, Hände und subokzipitale Muskeln direkt mit dem Haptischen System verbunden. Es sind dies Körperregionen mit einer hohen Anzahl an Spindeln, die als sensorische Organe Informationen aufnehmen und weiterleiten. Der erste Schritt, um die haptische Funktion wiederherzustellen, besteht darin, Berührung zu empfinden und den Fluss der Eindrücke aufzunehmen. Berührt zu werden, heisst die Gegenwart des Anderen zuzulassen.

Wenn man sich berührt fühlt, findet eine emotionale Aktivierung statt. Der Grundtonus des Verhaltens und der Körperhaltung in Gegenwart eines Anderen und unserer Beziehung zu ihm, wird von der Gama-Aktivität erhalten. Die Gama-Aktivität hat ihren Anfang in der Formatio reticularis im Hirnstamm; dann kommt das Gama-Motoneuron unter den Einfluss des Hippocampus und der Amygdala. Dies aktiviert die Muskeln unserer Kernstabilisierung, die unsere motorische Koordination steuern, und uns erlauben, in der Schwerkraft das Gleichgewicht zu halten und uns flüssig zu bewegen.

Die Gama-Aktivität hängt direkt von unserem emotionalen Zustand ab. Zum Beispiel hängen Strecken und Dehnen völlig vom emotionalen Zustand ab. Wenn man versucht, sich mittels eines bewussten Alfa-Befehls zu strecken, dann fällt die Dehnung immer kleiner aus, als wenn man sich durch die haptische Beziehung der Füsse, Hände und subokzipitalen Muskeln für den Raum öffnet. Dann kann die Bewegung tatsächlich zweimal grösser als beim Alfa-Befehl sein. Man öffnet sich für eine Beziehung zum Raum, und sofort erfolgt eine Modulation des limbischen Systems. Gama-Aktivität erlaubt durch Tonusveränderung einen längeren Dehnreflex, so dass die Dehneung mit geringem Widerstand möglicht ist. In Wirklichkeit wird die Bewegung auf zwei Wegen durch das Alfa-Neuron bewirkt, einem direkten Weg und einem indirekten durch das Gama-Neuron.

Man kann sagen, dass es bei der bewussten, direkten Aktivität (Alfa) einen kontrollierenden Agenten gibt, während es bei der beziehungsvollen Aktivität mit dem Raum, mit dem Emotionalen (Gama) einen rezeptiven, aufnehmenden Agenten gibt. Wenn das Haptische System nicht aktiv und funktional ist, führt das zu einem Verlust an Fluidität und Stabilität. Dies bringt eine Alfa-Funktion hervor – man sucht Halt in Bezug zur Schwerkraft und der Beziehung zum Anderen. Die Folge ist ein Abwehr- und Hemmprozess sowie eine Blockade der Expressivität und Impressivität. Dieser Prozess ist an das Körperbild und an das Image, das man der Welt präsentieren will, geknüpft; ein Image, das man als die eigene Identität wahrnimmt, das aber in Wirklichkeit eine Projektion ist.

Im Allgemeinen trachtet die Aktivität des Sichhaltens danach, den Körper geometrisch zu korrigieren, um die Symmetrie zu bewahren. Die oberflächlichen Muskeln werden eingesetzt, um eine Form zu schaffen und den Körper senkrecht zur Schwerkraft zu halten. Dies geht einher mit einem Verlust an tastender Aktivität der Füße und/oder einer Blockade der subokzipitalen Muskeln. Der peripersonale Raum oder die Kinäsphäre der Person ist eingeschränkt, was die Beziehung von Senden und Empfangen behindert und somit mentale Projektionen verstärkt. Selbst in einer kollabierenden Struktur sieht man noch eine Ebene des Sichhaltens, die der Öffnung für den Raum entgegenwirkt, und die haptische Funktion ist unterbrochen.

Warum ist dies wichtig für die Lösung eines Traumas? Weil diese adaptative Verhalten sowohl der Hintergrund für die Deregulierung eines Systems sein kann, als auch der Faktor, der die Entwicklung von neuer Bindungsfähigkeit und neuem Lebensanschluss nach einer Trauma-Verarbeitung verhindern kann. Um ein Risiko einzugehen, braucht man Stabilität und Fluidität, aber keine Fixierung. Sich in der Welt zu bewegen ist immer ein Risiko: auf den(das) Andere(n) zugehen, sich vom Anderen entfernen, dem Anderen begegnen, annehmen, bestreiten, zustimmen, sich verabschieden, lieben...

Der erste Schritt, um die haptische Funktion wiederherzustellen, ist nicht mehr festzuhalten und ein tonisches Zentrum zu finden, von dem aus die Beziehung zwischen dem Boden und der räumlichen Orientierung neu angepasst werden kann. Die Beziehung ergibt sich durch die tastende Aktivität der Füsse, die den Boden berühren, durch die Öffnung für den beständigen Fluss von Eindrücken und die Otolithen, die mich wieder in Richtung Raum aufrichten dürfen. Um dem Anderen zu begegnen oder ihn zu empfangen, muss man sich teilen. Während der Entwicklung des Kindes unterscheidet es zuerst Oben und Unten, d.h., die Organisation in der Schwerkraft zwischen Boden/Gewicht und Otolithen/Raum. Danach unterscheidet es Vorne und Hinten, mit sich selbst oder mit dem Anderen zu sein.

Erst wenn kontralaterale Bewegung entsteht, d.h., wenn eine Seite stabil ist und die andere Seite in die Welt, zum Anderen gehen kann, ist man in der Lage, mit sich selbst zu sein und sich dem Anderen zuzuneigen. Dies ist ein weiterer Begriff von Godard: phorisch kommt aus dem Griechischen und bedeutet Unterstützung. Im weiteren Sinne kann es als Territorium verstanden werden. Wenn wir uns den Körper als Territorium vorstellen, sprechen wir von ihm als Hülle, Volumen, Dichte, Interozeption, Besitz. Die Organe sind jener Teil des Körpers, der uns ein Gefühl von Präsenz und Territorium zukommen lässt. Wenn ich mich in meinem Territorium nicht sicher fühle, wage ich es nicht, mich zu bewegen.

Bei einer traumatisierten Person ist dies der erste Aspekt, der wiederhergestellt werden muss: ein Empfinden des Territoriums und seiner Grenzen. Erst wenn die Sicherheit im eigenen Territorium hergestellt ist, können wir es riskieren, uns frei zu bewegen. Damit sich eine Person bewegen kann, muss sie sich teilen: ein Teil bleibt phorisch, als Territorium und Stütze, und der andere Teil kann mit der Welt, dem Raum und dem Anderen gehen. Zum Beispiel: Wenn wir gehen, brauchen wir eine Seite des Körpers als Stütze, damit die andere Seite sich in den Raum und in die Welt begeben kann. Anschliessend haben wir eine Inversion: die agierende Seite wird phorisch und die andere Seite wird agierend. Um dem Anderen zu begegnen, muss man sich teilen. Für eine fliessende Bewegung haben wir die wichtigsten Gelenke, welche uns teilen, indem sie Trennungen schaffen, und uns gleichzeitig im Raum, in der Beziehung zur Schwerkraft ausrichten:

1- oben und unten
2- vorne und hinten
3- zwei Seiten
4- Vergenz


Wenn die Otholiten funktionieren, kann man sich mit ihrer Hilfe im Raum orientieren und dadurch die Augen von ihrer Verantwortung entlasten, uns zu stützen und die Welt um uns herum zu erfassen. Durch ein Scharfstellen der Sinne, besonders des Sehsinns, hat man die Fähigkeit im Raum nah oder fern zu sein, was eine Elastizität gegenüber dem Anderen ermöglicht. Vergenz ist die Fähigkeit, das Andere in meine Kinäsphäre einzuschliessen oder eben nicht. Wenn man in eine defensive Bewegung der symmetrischen Körperhaltung (Flexion) zurückfällt, verliert man auch die Vergenz.

Im haptischen Sinne nehmen wir bei einer Bewegung als erstes das Territorium wahr, jenen Körperteil, der standhaft bleibt und sich nicht bewegt. Danach erfassen wir, welchen Teil wir bewegen wollen und lassen ihn Richtung auf den Raum los. Eine unserer Grundängste ist, sich zu zerspalten, in Stücke gerissen zu werden; eine andere Grundangst ist die Angst vor dem Fallen. Wenn das Gefühl unserer Anwesenheit auch einen klaren und definierten Territoriums-Sinn umfasst, können wir uns teilen, ohne die Angst zu haben uns selbst zu verlieren, wenn wir in die Welt gehen. Wir erwerben eine Elastizität,z die sich an die Vergenz anschliesst.

Die Schwerkraft ist die Kulisse und der bleibende Faktor unserer Beziehung zum Leben. Sie reguliert nicht nur den Muskeltonus, sondern durch das limbische System auch die Aktivität unseres autonomen Nervensystems. Das Dreieck: Tonizität (Schwerkraft) x Limbisches System (Emotion) x ständiger Fluss von Eindrücken (peripherisch/aufnehmend) erlaubt die Neuorientierung mittels des Haptischen Systems. Es ist die Basis einer Änderung zu neuen Adaptations- und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Anderen und der Welt.

In diesem Sinne spielt das limbische System eine fundamentale Rolle in der Embodiment-Arbeit. Godard spricht von einem rezeptiven Zustand, wenn wir die Gegenwart des anderen durch das haptische System erfahren, was es uns ermöglicht, mit einem geringen Ausmass an Emotion zu reagieren. Diese Emotion ist an die Gegenwart geknüpft. Durch die sensorische Wahrnehmung der Beziehung zwischen mir und dem anderen ziehen wir eine Grenze zwischen Interozeption und Exterozeption, was Vergenz und Neuorientierung im Raum und in der Gegenwart ermöglicht.

Bei einem Zustand mit hoher Emotion werden wir von Aktivierungen aus der Vergangenheit überflutet, und wir verlieren die Gegenwart. Eine geringfügige Emotion ermöglicht es uns, uns von Moment zu Moment zu regulieren. Dann stellt das Embodiment keine Wohlfühlübung oder Performance dar, sondern eine sensorische Erforschung, die mit der Gegenwart verbunden ist. Dadurch wird die Beziehung zwischen Innen- und Aussenraum wieder hergestellt, bei der Suche nach Stabilität in der Beziehung zum Anderen. Von der Gegenwart bewegen wir uns zu einer sichereren und stabileren Zukunft, indem wir Potentiale integrieren und neue und gehaltvolle Bedeutungen schaffen.

Aus- und Weiterbildungen mit Marcelo Muniz


 



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