11.03.2015
Die Arbeit mit Entwicklungstrauma
Von Dr. Larry Heller

Als erfahrener Lehrer, der in ganz Europa und den USA Kurse unterrichtet, habe ich festgestellt, dass es zwei universelle Themen gibt, mit denen SE-Studenten und –Therapeuten Mühe haben. Das Erste ist Thema des heutigen Blogs. Dabei geht es darum, wie man Somatic Experiencing an die Arbeit mit Entwicklungs-/ Beziehungs- und. Bindungstraumata, im Gegensatz zu Schocktraumata, anpasst. Beim zweiten Thema, das später Gegenstand eines Blogs sein wird, geht es darum, wie man mit Menschen arbeitet, die keinen Zugang zu Körperempfindungen haben.


LAURENCE HELLER, PHD


Ich arbeite mit so genannten Entwicklungstraumata seit mehr als 30 Jahren. In den Siebzigern führte mich mein Interesse an humanistischer Psychologie dazu, das Gestalt Institute of Denver mit zu begründen. In jenen frühen Jahren des Unterrichtens zielte psychologische Arbeit auf das Herbeiführen einer regressiven kathartischen Entladung. Ganz dem Trend dieser Zeit folgend, arbeitete ich mit den so genannten Charakterstrukturen von einer pathologischen Sicht. Bald wurde mir klar, dass regressive kathartische Arbeit in vielerlei Hinsicht nicht wirksam und in manchen Fällen sogar schädlich war, weil sie primär auf den Widerstand des Klienten und seine Schwächen zielte. Infolgedessen hörte ich auf, mit Regression und Katharsis als therapeutischen Werkzeugen zu arbeiten. Ich begann, meinen Ansatz zu ent-pathologisieren und gab den Charakterstrukturen neue Namen, um die Stärken und Ressourcen zu betonen.

Ich lernte Peter Mitte der siebziger Jahre kennen. In den Achtzigern begegneten wir uns wieder und ich entdeckte, dass sich seine Arbeit mit Schocktrauma, das er Somatic Experiencing nannte, in eine ähnliche Richtung entwickelte wie meine eigene Arbeit mit Entwicklungstrauma. Rasch gab es eine Resonanz mit dem nicht-regressiven, nicht-kathartischen und sanften Ansatz von SE. Die feineren und wirksameren Interventionen von SE im Nervensystem waren genau das, was ich brauchte, um meinen eigenen therapeutischen Ansatz zu ergänzen und abzurunden.


Unterschiede zwischen Schock- und Entwicklungstrauma


Im Gegensatz zu vielen Schocktraumata gibt es bei Entwicklungs- oder Beziehungstraumata gewöhnlich kein einzelnes traumatisierendes Ereignis. Wenn Kinder chronisch und andauernd von ihrer Betreuungsperson nicht wahrgenommen, vernachlässigt, und missbraucht werden, statt, wie es eigentlich sein sollte, von ihnen beschützt zu werden und Sicherheit gewährleistet zu bekommen, sind sie in einer unmöglichen Situation gefangen. Sie können weder gegen die Quelle ihres Überlebens kämpfen noch von ihr wegrennen. Um mit diesem Dilemma klarzukommen, entwickeln Kinder Überlebensstrategien, die ich adaptive Überlebensstile nenne (früher Charakterstrukturen genannt) Wenn adaptive Überlebensstile auch dann andauern, wenn sie nicht mehr nützlich sind und im Erwachsenenleben noch wirksam sind, schaffen sie bedeutsame psychobiologische Herausforderungen, die nicht allein auf der Ebene des Nervensystems angegangen werden können, weil sie das Identitätsgefühl dieser Person in Form von Scham und Angst durchdringen. Die physiologischen Reaktionen sind zwar bei einem Entwicklungstrauma in vielerlei Hinsicht ähnlich wie bei einem Schocktrauma, doch müssen SE-Therapeuten verstehen, wie die psychodynamischen und relationalen Elemente der Überlebensstrategien als Folge von Entwicklungstrauma Komplikationen verursachen und anzugehen sind.


Ein Zyklus der Not bei Entwicklungstrauma


Entwicklungstrauma verursacht einen Zyklus der Not, der sich von dem so genannten Traumavortex beim SE unterscheidet. Um zu verstehen, wie dieser Zyklus der Not in Gang gesetzt wird, ist es wichtig, zunächst einmal zu bedenken, dass ständige Informationsschleifen sowohl von unten nach oben aus dem Körper ins Gehirn und umgekehrt von oben nach unten vom Gehirn in den Körper wandern. Der therapeutische Ansatz beim klassischen SE von unten nach oben fokussiert auf den Körper, den Felt-sense und die instinktiven Reaktionen, die durch den Hirnstamm vermittelt werden und sich aufwärts bewegen, um auf das limbische System und die kortikalen Bereiche des Gehirns zu wirken. Psychodynamische und kognitive Ansätze, die von oben nach unten wirken, sprechen unsere Gedanken, Wertungen und Identifikationen an, ohne explizit ihre Wirkung auf den Körper und das Nervensystem anzugehen Während man sich beim Schocktrauma primär auf die Dynamiken von unten nach oben konzentrieren kann, müssen wir beim Entwicklungstrauma sowohl von oben nach unten wie von unten nach oben arbeiten, wenn wir erfolgreich sein wollen.


In meinem neuen Buch, mit verfasst von Dr. Aline LaPierre, Healing Developmental Trauma: How Early Trauma Affects Self-Regulation, Self-Image, and the Capacity for Relationship, (Entwicklungstrauma heilen: wie frühes Trauma die Selbst-Regulation, das Selbstbild und die Beziehungsfähigkeit beeinträchtigen) stellen wir das NeuroAffective Relational Model™ (NARM – das Neuroaffektive Beziehungsmodell) vor. Es handelt sich um einen Ansatz, der SE benutzt, um das Nervensystem neu zu regulieren und gleichzeitig psychodynamische, kognitive und spirituelle Traditionen einbezieht, um entwicklungsbedingte Identitätsverzerrungen wie schlechtes Selbstwertgefühl, Scham und chronische Selbstverurteilung, sowie chronische Selbstverurteilung infolge eines Entwicklungs- und Beziehungstraumas, zu lösen.


Alines und mein neues Buch sowie das NARM- Training zielen darauf, Brücken zwischen verschiedenen Disziplinen zu bauen. Somatic Experiencing hat tatsächlich den Körper ins therapeutische Geschehen eingebracht. Bei Bindungs- und psychodynamischen Prozessen wurde die Rolle des Körpers als sekundär erachtet bzw. ganz ignoriert. Achtsamkeit und spirituelle Traditionen bringen zwar ein grosses Wissen vom Sein, der Stille und dem Fluss, verstehen jedoch nicht die Bedeutung der Regulation des Nervensystems. Im Buch und im NARM- Training webe ich Fäden von diesen vielen Disziplinen, um ein integriertes Modell zu schaffen.


Neue Post-Advanced NARM-Trainings für die Arbeit mit Entwicklungstrauma


Das erste zweijährige klinische post-advanced NARM-Training für die Arbeit mit Entwicklungstrauma begann anfangs Jahr in Deutschland. Es beweist, dass SE-Studenten und –Therapeuten ein grosses Interesse haben, zusätzlich zu ihren SE-Fertigkeiten zu lernen, wie man mit Entwicklungs-/Beziehungstrauma arbeitet. Zusätzliche Trainings beginnen bald in der Schweiz, in Dänemark und den Niederlanden. Ein zweijähriges klinisches NARM-Training beginnt in Los Angeles am 1.-3. Februar, 2013. In den Vereinigten Staaten bestehen die Trainings aus vier 3-tägigen Modulen pro Jahr. Für weitere Informationen und Anmeldungen kontaktieren sie bitte Michael Shiffman am The Insight Center http://insightcenter.org/NARM, oder schreiben sie ihm unter shiffman@insightcenter.org


In diesem zweijährigen klinischen Training lernen die Teilnehmer:
• Die unterschiedlichen Skills für die Arbeit mit Entwicklungstrauma gegenüber der Arbeit mit Schocktrauma
• Wie helfe ich Klienten, sich auf alle Ebenen ihrer Erfahrung einzustimmen: auf die kognitive, emotionale und physiologische Ebene in einem achtsamen, fortlaufenden Prozess der Desidentifizierung von ihren Überlebensstilen
• Wann man von unten nach oben, wann von oben nach unten und wie man mit beidem gleichzeitig arbeitet, um den besonderen Schwierigkeiten des Entwicklungstraumas gerecht zu werden
• Wie man die Fertigkeiten der Nervensystem-Regulation in den Kontext eines Entwicklungstraumas integriert
• Wann Schocktrauma-Interventionen bei der Arbeit mit Entwicklungstrauma kontraindiziert sind
• Wie man das komplexe Zusammenspiel von Identitätsverzerrungen und einer Deregulation des Nervensystems angeht


Für Ausschnitte aus dem Buch Healing Developmental Trauma, besuchen sie bitte http://drlaurenceheller.com


Um das Buch zu bestellen, gehen sie bitte zum Shop
“Die bewährten Kliniker Larry Heller und Aline LaPierre weben eine reiche und kohärente Synthese der Kindheitsentwicklung in der bahnbrechenden Tradition von Wilhelm Reich, Erik Erikson und Alexander Lowen. Sie bieten leicht verständliche Tools für alle von uns, die ein besseres Verständnis unserer fundamentalen Konflikte suchen. Healing Developmental Trauma ist eine lebenswichtige und zugängliche Landkarte, die emotionale Reife und psycho-spirituelles Wachstum unterstützt.”
—Peter A Levine, PhD, Autor von In an Unspoken Voice: How the Body Releases Trauma and Restores Goodness and Waking the Tiger


LAURENCE HELLER, PHD, ist der Begründer des NeuroAffective Relational Model™ (NARM – Neuroaffektives Beziehungsmodell), einem integrierten System, um mit Entwicklungs-, Bindungs- und Schocktrauma zu arbeiten. Er war der Mitbegründer des Gestalt Institute of Denver, war Angehöriger der Fakultät verschiedener Universitäten und ist Senior-Fakultätsmitglied des Somatic Experiencing Training Institute. Dr. Heller ist, zusammen mit Dr. Aline LaPierre, Ko-Autor von Healing Developmental Trauma, das ab September 2012 auf Englisch und ab 2013 auf Deutsch verfügbar ist, sowie mit Dr. Diane Poole Heller Ko-Autor von Crash Course, einem Buch über die Heilung von Autounfall-Trauma, das in vier Sprachen veröffentlicht wurde. Zurzeit unterrichtet er NARM und SE in den Vereinigten Staaten und in ganz Europa. Für weitere Informationen über den NARM-Ansatz besuchen sie www.DrLaurenceHeller.com.




 



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